Unternehmertypus, für den ein Börsengang passt, oder eher nicht
- Der Skalierer mit großem Kapitalbedarf
Profil:
- Stark wachsendes Geschäftsmodell
- Hoher Investitionsbedarf (Internationalisierung, Technologie, Akquisitionen)
- Eigenkapital wichtiger als Fremdkapital
Warum IPO sinnvoll:
- Zugang zu großen, wiederholbaren Eigenkapitalquellen
- Aktien als Akquisitionswährung für Buy&Build Strategie, Kauf Mitbewerber
- Unabhängigkeit von Banken und einzelnen Investoren
Typische Branchen: Technologie, Industrieplattformen, Infrastruktur uvm.
- Der strukturierte, prozessaffine Unternehmer
Profil:
- Arbeitet gern mit Kennzahlen, Reports, Governance
- Sieht Transparenz nicht als Bedrohung
- Kann Verantwortung delegieren
Warum IPO sinnvoll:
- Kapitalmarkt verlangt genau diese Professionalität
- Gute Führung wird belohnt
- IPO wirkt als „Organisations-Upgrade“
- Der Visionär mit langfristiger Story
Profil:
- Klare, kommunizierbare Zukunftsstrategie
- Geduld für Marktmissverständnisse
- Bereitschaft, die eigene Story immer wieder zu erklären
Warum IPO sinnvoll:
- Kapitalmarkt kann große Visionen finanzieren, wenn sie glaubwürdig sind
- Langfristige Investoren suchen genau solche Stories
- An der Börse wird ‚Zukunft‘ gehandelt; fundiertes ‚Story-Telling‘ wird belohnt, findet Abnehmer
- Skalierung ohne Exit-Zwang
- Der Exit-Planer mit Teilliquidität
Profil:
- Will nicht alles verkaufen
- Möchte sein Vermögen diversifizieren – nicht mehr alles ‚auf eine Karte setzen‘
- Will Unternehmen weiter führen, in Kontrolle bleiben – anders als bei PE, VC & Co.
Warum IPO sinnvoll:
- Teilverkauf ohne Kontrollverlust
- Flexibler, schrittweiser Exit – ggf. mit Generationswechsel, d.h. Wechsel vom Vorstandsvorsitz zum Aufsichtsratvorsitz
- Signifikant höhere Bewertung für Unternehmer als bei Private-Equity-Deals – dort wollen die PE-Investoren den Großteil des deals für sich…
- Der Reputations- und Markenstratege
Profil:
- Marke, Vertrauen und Sichtbarkeit sind zentral
- Kunden sind Großunternehmen, Staat oder internationale Partner
Warum IPO sinnvoll:
- Börsennotierung signalisiert Stabilität und Seriosität
- Erleichtert Großaufträge, Recruiting und Partnerschaften
- Zugang und Bindung von High Potentials als Mitarbeiter erleichtert
- Bindung Führungskräfte über Aktienprogramme
- Öffentliche Wahrnehmung als Marktführer
Unternehmertypus, für den ein Börsengang eher nicht sinnvoll ist
- Der absolute Kontrolle-Unternehmer
Profil:
- Will jede wesentliche Entscheidung selbst treffen
- Sieht Mitsprache als Einmischung
- Ablehnung externer Kontrolle
Warum IPO problematisch:
- Börse = permanente Rechtfertigung
- Governance kollidiert mit Alleinentscheidungen und Ego
- Hoher Frustfaktor
Besser: Familienholding, Private Ownership, Erbdynastie
- Der diskrete Mittelständler
Profil:
- Stabile, profitable Nische
- Meist altes Unternehmen mit Produkten in reifen Märkten mit geringem Wachstum
- Geringer Kapitalbedarf – Eigenfinanzierung aus Cash-Flow
- Wettbewerbsvorteil basiert gefühlt auf Geheimhaltung
- Etablierte Unternehmerfamilie – keine Bereitschaft sich Dritten zu öffnen
- Saturiert, wieso zusätzlich ‚stressen‘
Warum IPO unnötig:
- Offenlegung schadet gefühlt mehr als sie nutzt
- Kosten stehen in keinem Verhältnis zum Mehrwert
- Banken finanzieren solche Modelle meist problemlos
- Der Operative Macher
Profil:
- Stark im Tagesgeschäft
- Erklärte Ablehnung von Kapitalmarkt, IR, Analysten, Presse/Medien
- Ungeduldig bei Bürokratie, compliance & Co.
Warum IPO belastend:
- Gefühlt nutzloser Zeitfresser
- Permanente Ablenkung vom Kerngeschäft
- Gefahr strategischer Fehlentscheidungen aus Genervtheit
- Der kulturgetriebene Unternehmer
Profil:
- Unternehmenskultur wichtiger als Wachstum
- Geld und Wachstum kein Motivator
- Unternehmer praktisch nur ‚product driven‘ , nicht ‚market-driven‘
- Mitarbeiterbindung vor Skalierung
- Angst vor „anonymer Investorenlogik“
Warum IPO riskant:
- Kapitalmarktdruck könnte Unternehmenskultur verändern
- Vergütung, KPIs, Boni verändern Verhalten
- Mitarbeiter könnten Nähe zum Eigentümer verlieren
- Der zyklische oder schwer erklärbare Geschäftsmodell-Typ
Profil:
- Stark schwankende Ergebnisse
- Projektgeschäft
- Komplexe Erlöslogik
- Mitunter intransparente, steuerlich bedenkliche Tatbestände (‚man zahlt keine Steuern, aber lebt sehr gut dabei‘)
Warum IPO schwierig:
- Markt hasst Unvorhersehbarkeit
- Volatile Kurse erzeugen Dauerstress
- Permanente Unterbewertung möglich
- Kurs-Gewinn-Verhältnis und Marktkapitalisierung ensteht letzendlich auf Basis von ausgewiesenem Gewinn, der reported wird
Entscheidungsfrage für Unternehmer
Will ich Kapital, Unternehmenswert- und Vermögensmaximierung, Öffentlichkeit und Mitsprache – oder Autonomie, Diskretion und maximale Kontrolle?
Hierbei gilt jedoch, dass Autonomie und Kontrolle in-house gelten mögen, dies bei den Durchgriffsmöglichkeiten externer Finanzierer wie Banken und einzelnen Investoren auch schnell enden.
Ein Börsengang, bzw. das nachfolgende Leben des sog. ‚Being-Public‘ muss vom Vorstand gelebt werden und muss zu seiner Persönlichkeit passen. Wem jegliche Form der über das als Unternehmer zwingend notwendige Mass der Öffentlichkeit eh unangenehm ist wird hier nicht glücklich werden, bzw. dies als belastend empfinden.
Gemäß dem Slogan ‚No business like Show-Business‘ gilt auch hier, dass tendenziell extrovertierte Unternehmertypen, die sensibel und charismatisch ihre Zielgruppen – neben ihren Kunden nun auch Investoren und den Kaptialmarkt, bzw. die sog. ‚Bereichsöffentlichkeit‘ – bedienen , bzw. ‚unterhalten‘ können, die besten Ergebnisse erzielen.
In der Tat öffnet die Facette des Zugangs zum Kapitalmarkt dem Unternehmer eine neue, sehr interessante und lohnende Dimension seiner Tätigkeit, mit neuen Fähigkeiten, Erfahrungen und dem Kennenlernen interessanter Investorengruppen und anderer Stakeholder.
Fazit für Unternehmer
Es wäre naiv anzunehmen, dass ein Börsengang mit all seinen signifikanten Vorteilen wie dauerhafter Zugang zu zinslosem Wachstumskapital auf einer um ein Vielfaches höheren Bewertungsbasis im Vergleich zu privaten GmbHs und damit verbunden einem deutlich höheren Privatvermögen des Unternehmers, uvm. , ohne damit einhergehende Verpflichtungen von Statten geht. Die einzuhaltenden Emissionsfolgeverpflichtungen haben ihren Preis in Form von erhöhter Transparenz, Öffentlichkeit, Regulatorik und überschaubaren Kosten. Fakt ist, dass für Emittenten die Vorteile deutlich überwiegen.
Ein Börsengang ist nicht für jeden Unternehmer und Unternehmen geeignet, bzw. erreichbar !
Ein Börsengang ist auch kein Allheilmittel oder Selbstläufer, sondern das Ergebnis der Basis eines gesunden, starken Unternehmens und der Vision und Entschlossenheit eines charismatischen Unternehmers.
Ein Börsengang ist und bleibt aber die ‚Königsdisziplin der Unternehmensfinanzierung‘